Hauptsache an der frischen Luft

Gartenarbeit hat ja bekanntermaßen sehr viele positive Aspekte. Neben der gepriesenen Beschäftigung an der frischen Luft, bekommt man jede Menge Bewegung und als Krönung des Ganzen auch noch eimerweise biologisch-dynamisch-fröhliches Obst und Gemüse. (Welches im Idealfall von keinem einzigen Familienmitglied verschmäht wird.) In Gartenzeitschriften werden im Garten schuftende Menschen gerne breit lächelnd mit einer hübschen Schere Rosen schneidend gezeigt. Ein Weidenkorb am Arm baumelnd, in dem eine bunte Mischung aus Möhren, Rüben, Tomaten und Salat leuchtet. In Variationen werden dazu Strohhüte, Latzhosen oder Arbeitshandschuhe mit Blümchendruck getragen.

Lassen Sie mich kurz berichten, wie wenig ich diesem Bild entspreche und was es mit dieser Gartenarbeit wirklich auf sich hat.

Dass ich keine Latzhosen trage ist eine persönliche Entscheidung, ich habe mir drei äußerst gemütliche Gummizugröcke genäht, die ich mit wetterabhängigen Schichten drumherum trage. Die Nachteile eines Rockes durfte ich allerdings neulich erfahren, als ich beim Jäten den Kampf gegen eine Wickenwurzel gewann, dabei aber leider rückwärts auf den Rücken plumpste. Mein Rock flog hoch, bedeckte mein schamrotes Gesicht und ließ ansonsten sehr viel mehr sehen als mir recht war. Seitdem grüßt mich mein Gartennachbar besonders freundlich.

Es vergeht eigentlich kein Tag, an dem ich mich nicht irgendwie im Garten verletze, irgendwas schmerzt hinterher immer. Nach dem Jäten schmerzen Rücken, Knie und die hinteren Oberschenkelmuskeln. Nach dem Hacken der Rücken an einer anderen Stelle, die Schultern und die Blasen an den Händen. Nach dem Gießen die Schultern und die Muskeln in den Oberarmen, außerdem die Außenseiten der Waden, an die ich die Gießkannen beim Tragen immer dranbollere.

Brennnesseln oder Disteln pieksen in Hände, Füße oder Knie, Dornen, Stacheln und Schliffer (Spreisel) lassen sich an den merkwürdigsten Körperstellen finden. Gartengeräte fallen plötzlich um und landen auf Füßen oder an Schienbeinen oder liegen heimtückisch und beinstellend in der Gegend herum.

Außerdem gibt es noch diese Slapstick-Unfälle wie die neulich beschriebenen Versuche, die Bohnenstangen aufzustellen. Oder das hektische Gewedel, nachdem man mit dem Kopf in eine Spinnwebe geraten ist, bei dem eine Hand heftigen Birnbaumstammkontakt hat.

Am allerschlimmsten leiden allerdings meine Hände. Das ganze Wühlen und Buddeln rauht die Fingerkuppen so sehr auf, dass die Haut einreißt. (Und an eingerissener Haut läßt sich vortrefflich so lange herumzupfen, bis noch mehr Haut ein- und abgerissen ist.) Die perfekte Handcreme die mir meine Fingerkuppen retten könnte, muss wohl noch gerührt werden. Handschuhe, geblümt oder nicht, sind übrigens keine Alternative, ich muss spüren was ich tue.

Tja. Für ein bißchen Obst und Gemüse dieses ganze Leid und Elend? Ja, unbedingt. Bei der Gartenarbeit kann ich mich austoben, Ärger oder Traurigkeit verschwinden, neue Ideen für das Nähzimmer und Pläne für die Gärten tauchen auf. Ich komme müde, zerschlagen und völlig verdreckt aus dem Garten zurück – aber sehr, sehr glücklich. Und an der frischen Luft war ich auch.

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