Die Fichte

Mit der Fichte hat eigentlich alles angefangen. Also unser Gartenprojekt. Die Fichte war ein riesiger, den gesamten Häuserblock überragender Hingucker im hinteren Garten. Dicht, breit und perfekt gewachsen. Ziemlich genau 50 Jahre lang.

Der Vorbesitzer des Grundstücks hat sie irgendwann in den Sechzigern im Garten eingeplanzt, da war er ein kleiner Junge und sie ein kleiner Weihnachtsbaum.

Inzwischen war sie auf etwa 40 Meter Länge gewachsen und ihr Stamm so dick, dass man eine ganze Gartenhütte dahinter verstecken konnte. Ihre Wurzeln drängten sich hoheitsvoll am benachbarten Zaun vorbei, an einigen Stellen hoben sie ihn sogar ein wenig aus den Angeln.

Wenn man die Fichte bis ganz oben anschauen wollte, musste man den Kopf sehr weit in den Nacken legen und gegen das Licht blinzeln. Auf ein hochformatiges Foto passte sie von Nahem gar nicht drauf (man stelle sich jetzt nochmal die dreifache Länge jenseits des oberen Bildrandes vor):

 

Was für ein Baum. Leider bei Sturm ein ziemlicher Wackelkandidat, das Knarzen bei Wind war überall zu hören und das letzte Gutachten, das die Standfestigkeit bestätigte, lag Jahre zurück.

Erstes Projekt – erster Konflikt: Darf man so einen Baum einfach fällen? So einen wunderschönen? Es ging hin und her, wir diskutierten dieses Thema vermutlich länger als den gesamten Hausumbau. Abschließendes Urteil: Die Fichte wird gefällt. Der Sicherheit zuliebe.

Wir haben dann versucht, der Stadt den Baum als Weihnachtsbaum für den Marktplatz zu vermachen, aber selbst dort wurde von diesem wuchtigen Geschenk Abstand genommen, weil kein ausreichend großer Kran zum Abtransport bereit gestanden hätte.

Um es ihr ein bisschen leichter zu machen, haben wir für das Fällen zwei versierte Baumkletterer engagiert, die sich an einem diesigen Dezembertag sachte und mit großtmöglichem Respekt mit Gurt, Säge und Seilen gen Spitze aufmachten. Das alleine dauerte schon sehr lange. Dann sprang die Säge an und die ersten Äste fielen.

Schritt für Schritt arbeiteten die beiden sich von oben nach unten voran. Auch der ehemalige Grundstücksbesitzer war gekommen, um sich von seinem Baum zu verabschieden.

Irgendwann stand dann nur noch der Stamm.

Der Garten indes war mit den Zweigen gefüllt, und zwar nicht zu knapp. Ein durch das Spektakel und den Fichtennadelduft herbeigeeilter Nachbar mit botanischen Fachkenntnissen klärte uns dann noch über die genaue Art auf. Es handelte sich wohl um eine Coloradofichte.

Als eine Woche später die Zweige abtransportiert waren, wurde der Stamm scheibchenweise abgesäbelt und formschön überall im Garten platziert. Kaminbesitzer rückten an und machten sich an die Zerteilung und den Abtransport, was mindestens  bis Ostern dauerte. Auch, weil gleich noch zwei weitere Fichten den selben Weg gingen.

 

Die Spitze der Coloradofichte diente uns übrigens in dem Jahr als Weihnachtsbaum. Und so schloss sich dann doch noch so ein wenig der Kreis.

 

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