Bäume im Garten

Der alte Kirschbaum auf den Ländereien

Der alte Kirschbaum auf den Ländereien

Wenn Kinder einen Garten malen, dann sieht das meistens so aus: Der untere Blattrand ist breit grün ausgemalt, darauf Blumen: ein senkrechter, grüner Strich, von dem zwei blattförmige Gebilde abstehen, je nach Talent mehr oder weniger rechtwinklig. Darüber ein gelberKreis, um den sich vier oder fünf andersfarbige Blütenblattkreise formieren. Fortgeschrittene Künstler malen Tulpen. In der Mitte des Bildes ein Baum: eine grüne Wolke, die auf einem senkrechten, braunen Strich balanciert. In der grünen Wolke sind oft rote Punkte, die entweder Äpfel oder Kirschen sind, je nach Lieblingsobstsorte des Kindes. In einer der oberen Blattecken eine leuchtend gelbe Sonne, der obere Blattrand ist (himmel)blau, manchmal schweben Wolken in hellblau darunter. Und Halbkreisflügel-Vögel. Wichtig aber ist immer der Baum, ein Baum gehört in einen richtigen Garten.

Auf den Ländereien der Grünen Villa stehen einige Bäume. Im unteren Gartenteil Obstbäume, im oberen Teil eine Birke und ein sehr alter, sehr hoher Kirschbaum. Letzteren liebe ich vor allem im Frühjahr, wenn er wie eine weiße Wolke strahlt (und vor lauter Hummeln und Bienen brummt und summt). Im Herbst mag ich ihn auch sehr, weil er erst Mitte November die Blätter verliert. Bis dahin haben diese sich quietschgelb verfärbt und leuchten gegen das Novembergrau. Wir kehren die Blätter zu großen Haufen zusammen und lassen diese liegen. Igel haben bis dahin längst irgendwo Winterquartier bezogen, aber viele Insekten überwintern in den Kirschbaumlaubhaufen und das ist ja auch ganz prima.

Die Birke und mich verbindet eine Hassliebe. Naja, eigentlich ist es mehr Hass, denn Liebe. Die Birke ist groß und alt, der Stamm hat eine wunderschöne Zeichnung, sie rauscht ganz toll, wenn der Wind hindurchfegt und junge Birkenblätter sind im allerschönsten Frühlingsgrün gefärbt, das Herbstlaub leuchtet intensiv gelb. Mehr Positives fällt mir gerade nicht ein, denn meistens ärgert mich die Birke! Das ganze Jahr über bewirft sie mich, die Terrasse, die zum Trocknen aufgehängte Wäsche auf der Terrasse, die Kaffeetassen auf dem Terrassentisch mit verblühten Blüten, Blättern, Reisig, dürren Ästen, Birkensamen. Die Birkensamen sind äußerst fertil, kleinste Ritzen zwischen Terrassenfliesen reichen als Nährboden, im Frühling jäte ich Millionen von Birken im Garten, in der Feuerstelle, in Blumentöpfen auf der terrasse, in den Fliesenfugen der Terrasse. (und Holunderbüsche, aber dazu ein anderes Mal mehr). Tauben lieben Birken und das ist besonders perfide, denn Tauben mag ich (auch) nicht. Tauben sind doof und lernen nie, dass diese dünnen Birkenästchen ihr Gewicht nicht tragen. Immer wieder versuchen sie darauf zu landen, um dann mitsamt einem Schauer von weiterem Reisig, Blättern und was die Birke jahreszeitlich sonst gerade zu bieten hat, zu Boden rauschen. Aufgeregtes Taubenflügelgeflatter führt dann dazu, dass Birkensamen wirklich in die hintersten Eckchen verteilt werden, wo sie heimlich zu sehr widerstandsfähigen Birkensprösslingen heranwachsen. Birken gehören zu den Pionierpflanzen und ja, ich weiß warum.

Die Terrasse muss deshalb wöchentlich gekehrt werden und um diese Aufgabe reisst sich wirklich keiner, denn sie ist sehr groß. Wird aber der Birkenmüll nicht beseitigt, reicht ein Regenguss, um Blätter und Ästchen in allerfruchtbarsten Humus zu verwandeln, in dem die von den Taubenflügeln verteilen Birkensamen umso schneller keimen und wachsen. Das Aufsammeln des Birkenreisigs übernimmt der Kater. Unglücklicherweise trägt er die Äste ins Haus, gerne bis in mein Bett, weswegen ich versuche, ihm zuvorzukommen.

„Die Birke muss weg.“, beschloss ich im Sommer, als mir Sommergewitter tagelang hintereinander Birkenmatsch auf die Terrasse zauberten und die Abflüsse verstopften. Wie aber fällt man einen sieben Meter hohen Baum? Die Feuerwehr tut es nicht mehr. (früher rückte sie an, fällte den Baum und man bezahlte eine Spende und einen Kasten Bier. Früher war alles gut.) Ein Gärtner oder Landschaftspfleger muss her, am Besten einer, der den Baum direkt mitnimmt. Allerdings muss der Baum hier im Garten zerlegt werden, denn wir haben keinen Zugang zur Straße, müssen alles durch die Kelterhalle transportieren und ach – es ist kompliziert. Kompliziert mag ich nicht.

Geliebte, gehasste Birke

Geliebte, gehasste Birke

Die Birke bleibt also stehen.Vielleicht würde ich mich ohne sie langweilen. Könnte nicht mehr über doofe Tauben lachen.

(Wenn Sie Ende Februar, Anfang März zufällig ein Stethoskop in die Finger bekommen, suchen Sie sich eine Birke und lauschen Sie am Stamm.)

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